Wednesday, October 1, 2008

TAUCHEN IN SIZILIEN, Wo die Muraenen gaehnen

Von Linus Geschke
Giftige Skorpionfische, riesige Zackenbarsche, majestätische Wracks: Trotz seiner eindrucksvollen Unterwasserwelt ist Sizilien für Taucher bislang allenfalls ein Geheimtipp. Die schönste Schiffsruine liegt so tief, dass Anfänger am Strand bleiben müssen.


Nur müde spritzt die Gischt am Bug des acht Meter langen Bootes empor. Es ist ein heißer und windstiller Tag, das Mittelmeer liegt träge und glitzernd dar, als hätte es jemand mit Öl überzogen. Sechs Männer sitzen auf den Holzbänken im Schatten des Sonnensegels, ihre Tauchausrüstung fest mit der Reling verzurrt.



Die Luft schmeckt salzig, vom nahen Festland weht der Duft von Orangen und Zitronen aufs Meer hinaus. Ein perfekter Urlaubsort, doch in der Gunst deutscher Tauchtouristen liegt Sizilien bislang dennoch weit hinter anderen Zielen in Europa zurück. Völlig zu Unrecht – finden zumindest die Sizilianer an Bord.
Antonio Pisano, den hier alle nur Toni nennen, ist Inhaber des Aquanauta Divingcenter in San Vito lo Capo, einem ehemaligen Fischerdörfchen, eine knappe Fahrstunde von Palermo entfernt. Der gebürtige Sizilianer, der von Urlaubern gerne mal mit Al Pacino verwechselt wird, kennt die Tauchgebiete wie kaum ein Zweiter. "Für mich ist Sizilien die Karibik des Mittelmeeres: türkisfarbenes Wasser, jede Menge Fische, Wracks, Höhlen und Steilwände – hier gibt es alles!"
Für Toni ist es ein Rätsel, warum die deutschen Tauchgäste eher Mallorca oder Frankreich den Vorzug geben. Oder gar Kreta. Griechenland gehe doch gar nicht: "Im östlichen Mittelmeer, da gibt es ja fast keinen Fisch mehr. Nichts, was größer als eine Bratpfanne ist. Was wollen die dort nur?" Wer niemals in Sizilien tauchen war, der weiß doch gar nicht, wie schön das Mittelmeer sein kann. Glaubt Toni.
Wie in den Tropen, nur kälter
Die Ausfahrt führt die Tauchgruppe hin zum Wrack der "Capua", immer entlang der Küste des Zingaro-Nationalparks in Richtung Castellamare del Golfo. Die "Capua" sank im Zweiten Weltkrieg und liegt nun in 36 Metern Tiefe aufrecht auf ebenem Kiel. Schon beim Abstieg fällt der enorme Fischreichtum rund um das Wrack auf, den man im Mittelmeer nicht mehr erwartet hätte. Ganze Schwärme tummeln sich um die teilweise zerstörten Aufbauten, in denen zu den Meeraalen zählende Conger von über zwei Metern Länge und Skorpionfische auf Beute lauern.
Mit eingeschalteter Lampe geht es tiefer in das Wrack hinein. An der Decke und den Wänden des engen Maschinenraums krabbeln Tausende kleiner Garnelen, auf dem Boden finden sich vereinzelte Einsiedlerkrebse, die ihre Muschelwohnung auf dem Rücken tragen. Wäre alles noch ein wenig bunter und die Wassertemperatur ein wenig höher, man könnte sich glatt in tropischen Gewässern wähnen.
Knapp 4000 Einwohner und ein kilometerlanger Sandstrand, dazu Palmen, Pinien und der schroff aufragende Monte Monaco, um dessen mächtiges Haupt sich oftmals Schönwetterwolken sammeln: Mit seinen kleinen Gassen hat sich San Vito lo Capo viel von seinem ursprünglichen Charme bewahrt. Zentrum und höchstes Gebäude ist die Wallfahrtskirche San Vito Martire. Die in ein Kastell integrierte Kirche ist alt, der um 1780 gefertigte Altar prächtig, der Boden marmoriert und dunkel. Das ganze Gebäude hat etwas von der verblassenden Grandezza einer untergegangenen Epoche an sich, es hat Charakter. Drumherum liegen, sauber nach Rechtecken geordnet, die meist nur zweistöckigen Wohnhäuser.



Sich im Ort zu verlaufen fällt schwer, bereits nach wenigen Tagen kommt es einem vor, als würde man ewig hier leben. Eine Welt für sich sind die unzähligen und meist in Familienhand befindlichen Restaurants: Der Sizilianer isst nicht einfach, er zelebriert es, am liebsten lautstark und in großer Gesellschaft - wer nur zu zweit oder gar alleine am Tisch sitzt, könnte ja in Verdacht geraten, keine Freunde zu haben!
Schon die Auswahl bereitet Kopfschmerzen: Als Vorspeise antipasti rustica oder lieber arancinis, kleine, mit Fleisch, Käse oder Erbsen gefüllte Reiskugeln? Danach die mit wildem Fenchel und peperoncini abgeschmeckte Bratwurst oder vielleicht doch eher ein risotto frutti di mare? Dazu trinkt man einen weißen Marsala oder einen der vielen guten Rotweine, ganz nach Geschmack. "Auf den Gedanken, dass man zu Fisch nur Weißwein trinken darf", erzählt Toni zwinkernd, "kommen eh nur die Deutschen!"



2. Teil: In eisige Tiefen: Wracktauchen 50 Meter unter dem Meeresspiegel


Am nächsten Morgen trifft man sich um neun Uhr wieder an der Tauchbasis, unweit des Leuchtturmes. Wer nun darauf wartet, dass einem hilfreiche Hände wie in Ägypten oder Asien das Equipment zusammenbauen und an Bord tragen, wird auch am Abend noch da stehen. Hier muss man die obligatorischen 15-Liter-Stahlflaschen schon selber ans Jacket montieren und die Einheit dann über den Strand zum Hafen tragen. Schließlich hat Tauchen auch was mit Sport zu tun.
Auf der Fahrt zum Tauchspot "Grotta Perciata" erzählt Sergio, einer der Tauchführer, dass ihm in Ägypten tatsächlich mal eine Basis verboten hatte, tiefer als 30 Meter zu tauchen. Sergio ist immer noch außer sich, so was sei doch "impossibile", also unmöglich für erfahrene Taucher! Heute stellt sich diese Frage nicht, die angefahrene Höhle liegt in maximal 14 Metern Tiefe. Sie führt gut 30 Meter ins Gestein hinein, in der Decke mehrere Durchbrüche, durch die das Sonnenlicht fast mystisch in die Gänge fällt.
Nach dem fünften Skorpionfisch und dem zwanzigsten Einsiedlerkrebs kann man mit dem Zählen aufhören und sich mehr auf die Topografie konzentrieren: Von einem Hauptgang führen kleine Kammern ab, meist mit Garnelen besiedelt, deren Augen im Schein der Tauchlampen hell aufleuchten. Sanft steigt der Gang höher und mündet in einen runden Raum, der mit seiner kreisförmigen Öffnung oben an das Pantheon in Rom erinnert.
Nach dem Verlassen der "Grotta Perciata" gleitet die Gruppe über mit Algen bewachsene Felsformationen hinweg, in den Zwischenräumen wiegt sich Seegras in der schwachen Strömung. Zweibindenbrassen, Eberfische und Meerjunker garnieren das Ganze mit Leben, vereinzelt sollen auch Barakudas zwischen den Felsen auf Nahrungsjagd gehen.
Das Wrack der tausend Korane
Der nächste Tauchgang bleibt den erfahrenen Tauchern vorbehalten, längere Dekompressionszeiten sind hier obligatorisch. "Die "Kent" ist das schönste Wrack im Norden Siziliens, aber nichts für Anfänger. "Hier schaue ich mir vorher die Tauchgäste unter Wasser ganz genau an, bevor ich sie für einen Trip einplane", sagt Toni. Am Ankerplatz, der mit einer kleinen weißen Tonne markiert ist, hängt er eine zusätzliche Pressluftflasche mit mehreren Atemreglern in fünf Metern Tiefe unter das Boot. "Es kommt immer wieder vor, dass einem hier am Ende des Tauchganges bei der Deko die Luft ausgeht, weil er sich mit dem Vorrat verschätzt hat." Quelle: der Spiegel
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